Epidemiologie

  • 2012 wurden von der WHO noch 223 Fälle von Kinderlähmung weltweit erfasst (WHO 2013).

  • Endemisch kommt die Poliomyelitis 2013 weltweit nur noch in 3 Ländern vor: in Afghanistan, Nigeria und Pakistan (WHO 2013).

  • In Deutschalnd wurde der letzte durch ein Wildvirus verursachte Fall im Jahr 1990 erfasst, 1992 gab es 2 importierte Fälle (aus Ägypten und Indien); die letzte durch die Schluckimpfung ausgelöste "Impf-Polio"/VAPP trat im Jahr 2000 auf (RKI 2013)

  • Seit Ende 2012 rückt das Poliovirus jedoch wieder deutlich näher an Europa heran:

    • Schon Ende 2012 wurde der Erreger im Abwasser der ägytpischen Hauptstadt Kairo nachgewiesen (DÄ 2013a), im Herbst 2013 fand man  auch Polioviren in der Kanalisation von Jerusalem (ECDC 2013). In Syrien sollen sogar symptomatische Krankheitsfälle gemeldet worden sein (DÄ 2013b), eine Überprüfung ist hier zur Zeit (Herbst 2013) naturgemäß schwierig. Mittlerweile konnte die WHO aber in mindestens 10 von insgesamt 22 gemeldeten Verdachtsfällen die Diagnose sichern (Polioeradication 2013)

    • Da der in Israel wie in Deutschland bisher eingesetzte Polio-Impfstoff (IPV) zwar die Geimpften sicher vor einer Erkrankung schützt, die Ausbreitung der Infektion aber eventuell weniger effektiv verhindert, wird in Israel derzeit wieder vermehrt mit der älteren, risikoreicheren, aber die Verbreitung mutmaßlich besser unterbindenden Schluckimpfung (OPV) geimpft (DÄ 2013a).

  • Ein großes Problem könnten Veränderungen im Erbgut der Polioviren darstellen ("Mutationen"), die diese unempfindlich gegen die von der Impfung hervorgerufenen Antikörper machen: bei einer der letzten größeren Polio-Epidemien, im Kongo 2010, kam es schon während der Epidemie zu auffallend viel Erkrankten, die eigentlich mit 3 Impfungen geschützt waren und auch die Sterblichkeit im Rahmen der Epidemie war ungewöhnlich hoch. Forscher der Universität Bonn konnten jetzt nachweisen, dass gerade bei den Verstorbenen häufig ein "mutiertes" Polio-Virus nachzuweisen war, gegen das die Impfung keinen (sicheren) Schutz gewährleistet (Drexler 2014) - es ist derzeit völlig offen, welche Bedeutung dieser Umstand bei der schon lange versuchten Eradikation der Kinderlähmung durch ausgedehnte Impfprogramme hat.

  • Eine aktuelle Übersicht über die Kinderlähmungsfälle weltweit (sowohl die durch Wildviren, als auch die durch die Schluckimpfung ausgelösten) finden sie auf den Seiten der ECDC hier.

 

Erreger

  • Poliomyelitisvirus, es werden 3 Serotypen unterschieden

  • Infektionsmodus faeko-oral, d. h. in der Regel Aufnahme von Nahrung/Wasser, die/das durch den Stuhl eines Infizierten verseucht wurde

 

Infektionsverlauf

  • Inkubationszeit 3 - 35 Tage, dann Verlauf in mehreren Phasen

  • Mehr als 95% der Polioinfektionen verlaufen unbemerkt, ohne Symptomatik

  • bei ca. 5% der Infizierten kommt es nur zum „Initialstadium“ mit grippalen Symptomen, die folgenlos abklingen

  • Bei ca. 1 - 2% der Infizierten folgt danach das „meningitische Stadium“ mit den Zeichen einer viralen Hirnhautentzündung

  • Bei 0,1 - 1% der Infizierten kommt es im Anschluss daran zum „Lähmungsstadium“ mit akut einsetzenden, nicht selten vollständig ausheilenden Muskellähmungen; selten kommt es zum Befall der Hirnnerven/Atemmuskulatur mit der Gefahr des Atem/Kreislaufstillstandes (RKI 2011)

 

Komplikation

  • akut Atem/Kreislaufstillstand

  • bleibende Lähmungen

 

Therapiemöglichkeiten

  • keine ursächliche Therapie möglich, unterstützend Physiotherapie etc.

 

Literatur

Deutsches Ärzteblatt 2013a. http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/53187/Poliovirus-in-Aegypten

Deutsches Ärzteblatt 2013b. http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/56252/Heisser-Polio-Cluster-in-Syrien

Drexler JF. PNAS August 18, 2014 http://www.pnas.org/content/early/2014/08/14/1323502111

ECDC. http://www.ecdc.europa.eu/en/publications/Publications/polio-risk-assessment-transmission-in-Israel.pdf

Polioeradication. http://www.polioeradication.org/tabid/488/iid/328/Default.aspx

RKI. Ratgeber Poliomyelitis - Stand 2011. Abruf 15.11.2013

RKI. Infektionsepidemiologisches Jahrbuch 2012. Berlin 2013.

WHO. Poliomyelitis - Fact sheet Nr. 114. Abruf 15.11.2013